Ostseesehnsucht führt zur Geburt der Buchhandlung „Möwe“

 

Von Maria Pistor 2016

 

Für Buchhändler Frank Weisleder steht in diesem Jahr sein erstes größeres Jubiläum in Warnemünde an. Vor genau einem Jahrzehnt hat er in der Luisenstraße seine Buchhandlung „Möwe“ eröffnet. Ein kleines Fachgeschäft, dem er mit seinem feinen Gespür für gute Bücher und dem Zeitgeist beim Lesen eine besondere Note verliehen hat. Hier können selbst Büchermuffel beim Stöbern etwas Schönes oder Spannendes entdecken. Denn für Präsentation und die Auswahl von Büchern hat der Inhaber einfach ein Händchen. Und mehr noch: Er ist bekannt dafür, dass er nach vergriffenen Büchern fahndet oder recherchiert, wenn die Kunden nur ganz wenig über das gesuchte Buch wissen. Den guten Service haben auch Touristen erkannt: Viele bestellen sogar von ihrem Heimatort aus Bücher in der „Möwe“.  

Der 50-jährige Inhaber stammt aus Thüringen. Aber schon seit Jahrzenten zeigte die innere Kompassnadel des Suhlers in Richtung Norden und an das Meer, wo die Weite des Horizonts den Augen keine Grenze setzt. Da zog es ihn magisch hin.

Frank Weisleder kommt nicht nur aus einem anderen ostdeutschen Bundesland, sondern auch aus einem artfremden Beruf: Ursprünglich war er als Anwalt tätig, aber als Harmonie liebender Mensch widerstrebte es ihm, so viel Lebenszeit in Streitkultur der Juristerei zu verbringen. Deshalb wechselte er und eröffnete in Suhl seine erste Buchhandlung. Trotzdem reichte der Berufswechsel noch nicht aus, den Sog und die Sehnsucht in den Norden zu stillen. Er begab sich in Ostseebädern auf die Suche nach einem Ort für eine neue Buchhandlung. Im Ostseebad Warnemünde wurde er fündig: Er entdeckte seinen jetzigen Laden in der Luisenstraße, die direkt an die Seepromenade grenzt. Sie heißt Möwe. „Möwe“ passt zur bekanntesten Vogelart am Meer, aber der Name hat außerdem auch einen Bezug zu Anton Tschechows gleichnamigem Buch „Die Möwe“ und zu einem Künstlerklub in der Berliner Luisenstraße. Aus seiner Suhler Zeit steht noch ein alter Stuhl in der Warnemünder Buchhandlung. Neben dem Betreiben der Buchhandlung hat Frank Weisleder fast schon 100 Lesungen organisiert. Der Alltag der Ostdeutschen oder Künstler aus Ostdeutschland mit ihren Büchern bilden hier einen inhaltlichen Schwerpunkt der Veranstaltungen, die meistens im Ringelnatz in der Alexandrinenstraße 60 stattfinden.

Und genau wie bei der Auswahl der Autoren für die Lesungen gilt es auch im Alltag herauszufinden, was sich in dem Überangebot von Büchern für diese besondere Buchhandlung herausfiltern lässt. „Es ist eine Gratwanderung, für jeden Geschmack etwas zu finden“, sagt der Buchexperte, der weiß, dass Frauen und Männer zu verschiedener Lektüre greifen: Viele Frauen lesen gern Familiengeschichten, Frauenschicksale und Bücher über die Liebe. Männer bevorzugen eher Bücher mit einem Sachbezug oder zum Zeitgeschehen. Insgesamt werden auch von jüngeren Lesern mehr realistischere Bücher mit einem politischen Bezug gekauft. Touristen lieben Titel mit einer Verbindung zur Küste oder Urlaubsgeschichten. Die Buchhandlung von Frank Weisleder ist nie überladen. Die Titel stellt er frontal auf, so dass sich die Bücherliebhaber nicht nur von einem Titel auf dem Buchrücken inspirieren lassen müssen, sondern auch die Gestaltung bei der Wahl eine Rolle spielt.

Auch das hat der Wahl-Warnemünder gelernt: Wer hier nicht geboren ist, wird für waschechte Warnemünder immer ein Zugereister bleiben. Meistens sogar zeitlebens. Aber immer Stück für Stück gehören auch Zugereiste etwas mehr dazu, gerade, wenn sie sich für den Ort engagieren. Denn der Buchhändler hat beim Tango-Tanzen seine Frau Leokadia kennengelernt, mit der er den gemeinsamen Sohn Theo hat, der dazu beiträgt, dass die Eltern hier in Warnemünde Wurzeln schlagen, ihren Lebensmittelpunkt und Freunde gefunden haben. Und die Lebensqualität zu schätzen wissen: Wenn man die Ostsee so dicht vor der Tür hat, kann man jederzeit einmal reinspringen.

Frank Weisleder selbst ist ein passionierter Leser. Oft sitzt er im Laden und vertieft sich in die Bücher – zum eigenen Vergnügen, aber auch im Interesse seiner Kunden. Als Mann vom Fach ist er bei der Auswahl der Lektüre für seinen Laden wählerisch. Geistiges Fast Food ist nicht seine Sache. Auslagen mit billiger Massenware wird es hier nicht geben. „Ich bin immer auf der Suche nach dem besonderen Leseerlebnis, nach Geschichten, die einen so richtig packen und begeistern“, offenbart er. Und davon profitieren wieder seine Stammkunden. Von vielen kennt Weisleder die Lesevorlieben. Und so kann es passieren, dass er durch Warnemünde radelt und einem solchen zuruft: „Ich habe wieder was für Sie“. Und der Leser antwortet radelnd zurück: „So muss es sein“, kommt in die „Möwe“ und freut sich, wie vortrefflich der Buchhändler seinen Geschmack kennt. Die Buchhandlung ist längst auch ein sozialer Ort geworden, in den die Leute auch außerhalb des Bücherkaufs einfach mal reinkommen, um sich mit Frank Weisleder über Gott und die Welt zu unterhalten.

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